Wahnsinn und Glück gibt es nur in der Drogerie. Wer in seiner Kindheit mit Städteurlaub und stundenlangen Besuchen in Museen gequält wurde, überträgt eine gute Portion seiner Abneigung auf diese Kunstform des Zeitvertreibs. Mancher Artgenosse arbeitet sich sein Leben lang an diesem Trauma ab und zwingt sich aus schlechtem Gewissen zur ständigen Wiederholung dieser Qualen. Wenn Kunst nach Peter Sloterdijk der »ungeschützte Verkehr mit der Intelligenz des Anderen« ist, laden die Kulturinstitutionen neuerdings zum Gang Bang ganz besonderer »Art« ein. Busladungen unterhaltungswütiger Pauschaltouristen werden in Berlin ausgespuckt wie in einem Flüchtlingscamp. Es ist bumsvoll in der Stadt. In kilometerlangen Warteschlangen stehen Alt und Jung, brav in Reihe und Glied, überall irgendwo an und quälen sich mit stundenlangen Besuchen der Museen. Wie ein verstopfter Abfluß sieht alles aus. Zwischen bemalten Buddy-Bären und was es sonst noch an Stadtmarketingterror gibt, stehen sie da wie Nachwuchsstricher in einem gigantischen Medienbordell. Hier geht die Staatsgewalt vom Volke aus. Es könnte auch eine Parade sein, ein Aufmarsch, ein gespielter Witz oder irgendeine andere Fehlzündung. Die Architektur trägt zur aesthetischen Verelendung bei. Das ist kein schöner Ort, und so passieren auch keine schönen Dinge. Hier, wo die Politik im Verlauf des 20. Jahrhunderts die sichtbarsten Spuren ihrer eigenen Niederlage hinterlassen hat, erscheint der Übergang zu einer neuen, durch die absolute Kultur bestimmten Herrschaftsform unaufhaltsam. Kunstmuseen nehmen heute den Status von Massenmedien ein, was nicht viel gutes über eine Gesellschaft aussagt, wenn die Annahme stimmt, das Massenmedien als SPIEGEL-BILD ihrer Leser zu betrachten sind.

Die scheinbar freiwillige Unterwerfung des Menschen unter das Meinungsdiktat der großen Realitätsproduzenten Politik, Medien und Kultur, ist scheinbar Grundlage einer Gesellschaft. Das Volk legitimiert durch die Wahlen Herrschaft, führt diese aber selber nicht mehr aus, sondern wird bildlich gesprochen nur noch zur Kasse gebeten. Vom Ex-Flughafen Berlin Brandenburg bis hin zum staatlichen, öffentlich-rechtlichen Rundfunk, stattlich finanziert durch Zwangsverordnungen, wie in einer Diktatur. Für wie bescheuert hält diese Regierung ihr Publikum? Aber das Publikum interessiert sich für die Nummer, also machen alle mit und fahren nach Berlin, in die Hauptstadt der Transferleistungen, weil – wie in einer griechischen Tragödie – das Leiden dieser Stadt die Bedingung ihrer Existenz ist. Und da lümmeln sie nun, im sozialen Gefüge vom Angestellten bis zum Ruhiggestellten abwärts und warten, daß sie reinkommen dürfen. Die Stadt der Zugezogenen, die immer wieder neu zum Objekt der Begierde wird, für schlesische Arbeiter wie für schwäbische Angestellte, wo Arbeitslose keine Arbeit suchen, sondern Geld. Hier inszeniert sich die aufgeblühte Masse in ihrer wohlfahrtsstaatlichen Dauernarkose. Potenzielle Arbeitnehmer haben einfach keine Zeit mehr zu arbeiten, weil sie sich bei Günther Jauch oder Jörg Pilawa bewerben, weil sie Payback-, Treue- und Glückspunkte sammeln oder irgendeinen Lotto-Jackpot knacken müssen. Im Fernsehen sieht man kaum noch Menschen, die arbeiten, entweder wird endlos geredet, gekocht, gestreikt oder renoviert. Und da es keine Vollbeschäftigung mehr geben wird – ist alles was die Politik dazu zu sagen hat, Augenwischerei. Aber, hier in der Schlange, an der Kasse, vergeht die Zeit, die nie vergeht. Wie am Strand in Rimini oder auf Palma de Mallorca, wo sich die Menschen nicht ausbreiten – nein, wo sie sich stapeln lassen um sich abends an Riesenbuffets um Unmengen von Würstchen, Erbsen und fettigen Pommes zu prügeln. Wenn man könnte, würde man an der nächsten Zapfsäule Leben in sich reinpumpen, im Museumsshop noch schnell ein Kännchen Kaffee runterspülen und für immer verschwinden. Entscheidungen werden eh dem Staat überlassen und der als Reform getarnten Umverteilung, wird im kollektiven Trance des Konformismus ohnmächtig zugesehen. Alles ist mittlerweile gleichbedeutend oder gleich wurst. Klatsch oder Abklatsch. Übrig bleibt der Staat als Einrichtung zur Beherrschung seiner Bürger. Die Gerechtigkeit, die er zu verwirklichen vorgibt, benötigt immer mehr Gesetze, die Gesetze benötigen immer mehr Bedienstete, und die Bediensteten benötigen immer mehr Geld. Wenn der arbeitenden Bevölkerung durch die Arbeit der Bundesregierung nur Peanuts übrig bleiben, ist es kein Wunder, wenn die Menschen zu Affen werden. Und nichts taugt so sehr zur Veranschaulichung dieses Elends wie jener Werbespot der SPD, der »Zeit für mehr Gerechtigkeit« heißt. Der Spot besteht aus schriftlich formulierten Forderungen und den Bildern dazu. Glückliche Kinder fordern Glück, zufriedene Rentner fordern Zufriedenheit und heile Familien fordern, heil zu sein und man darf sich gerne vorstellen, wie, in schicken Hamburger Büroräumen, die Werber dieses Spots in ihren knappen Dries-van-Noten-Anzügen, aus ihren teuren Oliver-Peoples-Brillen sehr kreativ und nachdenklich herausschauen und ein Club-Mate nach dem anderen trinken, bis endlich ein paar pointierte, geistreiche und verblüffende Slogans wie »Zeit für mehr Gerechtigkeit« gefunden sind. Und aus dem allerkreativsten Spot lächelt uns die kinderlose Kanzlerin an, die von ihrem deutschen Volk »Mutti« gerufen wird, und verspricht »ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben«. Kann es aber sein, dass der Wähler dafür dankbar ist? Kann es sein, dass unsere alternde Gesellschaft, einen immer stärkeren Hang zu Konfliktscheu, Betulichkeit und Konformismus entwickelt? Kann es sein, daß die allgemeinen Ansprüche an den Staat, außer Ruhe und Ordnung zu schaffen, dahin gehen? Wenn im Zentrum und an den Rändern der Macht ein Totalausfall der Politik zu diagnostizieren ist, dann stellt sich die Frage, wo sie noch stattfindet außer im abkassieren seiner Bürger.

Und ich hatte diesen Traum: Im Reichstag, der Plenarsaal. Angela Merkel steht am Rednerpult – macht wahrscheinlich eine Regierungserklärung über Leidkultur, Kulturgutschutzgesetze, Kultur als Staatsziel oder Gedenkkultur. Sie ist nervös und verspricht sich oft. Schon nach wenigen Minuten bilden sich kreisförmig dunkle Schweißflecken unter den Achseln ihres bügelfreien Amtshemdes, die sich bedrohlich schnell ausweiten. Schon läuft ihr der Schweiß in kleinen Rinnsalen aus den Ärmeln und tropft aufs Manuskript. Wahre Sturzbäche ergießen sich mittlerweile aus sämtlichen Öffnungen. Frau Merkel liest tapfer weiter ihre Rede vor, wenn auch freilich lange Pausen entstehen, weil der Schweiß Teile des Manuskripts unleserlich gemacht hat. Einzelne Abgeordnete rutschen unruhig auf ihren Sitzen herum, Angst in den Augen, andere wecken ihre Fraktionskollegen. Ab hier erklingt nun aus Beethovens Neunter Sinfonie »Alle Menschen werden Brüder«. Der Schweißpegel erreicht die vorderen Sitzreihen, ganz hinten stürzen einzelne zu den Ausgängen – verschlossen! Und das Schwitzwasser steigt und steigt. Bis zur Brust sitzen die Abgeordneten nun schon im Schweiße ihres Angesichts. Die ersten werden ohnmächtig, Banken gehen in den Konkurs, Menschen stehen wieder Schlange für ein wenig Brot und Spiele... hier bin ich aufgewacht und mußte feststellen, daß ich ins Bett gemacht hatte.